Nora — die Lebensretterin

26.04.2019

26.04.2019, Schweizer Illustrierte von Thomas Kutschera (Text), Remo Nägeli (Fotos)

Das wars wohl ...»,geht es Karl Mattli durch den Kopf.Seit einer halbenStunde liegt er unter einer bleischweren Lawine. Er denkt an seine Frau und die drei Kinder – gern hätte er sich noch von ihnen verabschiedet. Dieser Gedanke plagt ihn. Dann gleitet er in einen sanften Halbschlaf.Nun sitzt Kari Mattli, 59, purli-munter auf der Lawine, die ihn vor ein paar Tagen fast aus demLeben gerissen hätte. Bei ihm Nora, seine Lebensretterin. Die achtjährige Labradorhündin ist mit ihrem Herrchen, Lawinenhundeführer Rene Geisser, 44, ins Göschenertal zurückgekehrt – Mattli bedankt sich. «Guäts Meitli», sagt der Urner Bergbauer und flattiert Noras Kopf, «dankä!» Ergibt ihr einen Cervelat. «Den hast du redlich verdient.»

9. April, Weiler Wiggen ob Göschenen UR, 1350 Meter über Meer. Auf der Strasse zur Göscheneralp räumen Karl Mattli und sein Kollege Christian Näf, 32, den Schnee einer Lawine weg. Die beiden Bergbauern sind weiter hinten im Tal daheim, im Gwüest: Zwölf Einheimische leben in diesem abgelegenen Weiler, neun Kilometer sinds nach Göschenen. Im Winter sind die Gwüester auf ihre Schneetöffs angewiesen: Die Zufahrtsstrasse ist gesperrt Der Schnee liegt meterhoch, es herrscht Lawinengefahr.

13.25 Uhr. Die Sonne scheint, Mattli schaufelt im T-Shirt, Näf bedient die Schneefräse. Leises Gerumpel, Kari schreit «Achtung!» und rennt los. Doch nach zwei, drei Schritten erfasst ihn eine Nassschneelawine. Reflexartig hält er die Arme vors Gesicht, dann wird er begraben. Kollege Christian kann sich inSicherheit bringen, ruft: «Käri,wo besch?!» Keine Antwort. Verzweifelt sucht Näf den Lawinenkegel ab, nach einer Minute wählt er die 144, mit Tränen in den Augen. Auch die Gwüester alarmiert er.

Mattli ist eingemauert. über ihm drei Meter betonharter Schnee. Ein Kubik Nassschnee wiegt 600 Kilo. Mit angewinkelten Beinen liegt er da, gebückte Haltung, Kopf nach oben. Es ist stockdunkel. Kari kriegt fast keine Luft mehr, bewegen kann erlediglich den Kopf und den rechten Arm. Er ist unverletzt Er will nach seinem Handy greifen: Es geht nicht. Mattli hört die Schneefräse. Sie liegt ebenfalls unter der Masse begraben. Er spürt, wie sich die Fräswelle noch dreht, nur zehn Zentimeter neben seinemFuss. «Auch Chrigel ist unter der Lawine!», schiesst es ihm durch den Kopf.Nur nicht nervös werden, redet sich Mattli zu. Das braucht zuviel Energie! Mit der Hand kratzt er vor seinem Gesicht Schnee weg. Die Atemhöhle wird etwas grösser. Zwischendurch schickt er ein Stossgebet zum Himmel. Die Kleider werden langsam nass, ihm wird kalt.

13.36 Uhr. Der Pager von René Geisser summt. Der Chef des Kantonspolizeipostens Engelberg OW ist in seinem Wohnort unterwegs. Mit Nora gehört er zum Rettungshundeteam der Organisation Alpine Rettung Schweiz. Die Mitteilung auf dem Pager: «Komplett verschüttetes Lawinenopfer im Göschenertal». Geisser avisiert die Rega Einsatzzentrale: «Ich komme!» Mit Blaulicht fährt er nach Hause, zieht seine Ausrüstung an, macht seine Hündin Nora parat. Zehn Minuten nachdem Alarm startet Geisser im Heli von Swiss Helicopter, der vor seinem Haus gelandet ist. Jede Sekunde zählt! Nach Minuten sinken die überlebenschancen eines Lawinenopfers drastisch. Erstickungstod.

13.59 Uhr. Der Heli landet am Unfallort. «Such !», befiehlt Geisser leise. Schon nach ein paar Sekunden hat Nora die Witterung, beginnt an einer Stelle zu scharren. Zwei weitere Lawinenhundeteams helfen mit. Immer heftiger scharrt Nora, sie winselt ausser sich, ihr Schwanz wedelt wild. In diesem Bereich wird besonders viel mit Sondierstangen gesucht so kommt Luft in die Gegend des Verschütteten. Eine Stange «tüpft»Mattli am Oberschenkel die Hoffnung steigt! Als sein Gesicht freigelegt ist, öffnet er kurz die Augen, bringt apathisch ein Hallo über die Lippen. Nora ist erschöpft, von Geisser bekommt sie eine Wurst. «Sie muss nach jedem Erfolg bestätigt werden.»

15.02 Uhr: Mattli wird auf einer Bahre in den Rega Heli getragen,seine Körpertemperatur misst 35,1 Grad. Auf dem Flug ins Kantonsspital Luzern kommt er zu sich. Noch am selben Abend kann ihn Kollege Näf aus dem Spital abholen. Bei Mattlis Schwester trinkt er ein Glas Roten. Tags darauf schaut er zu seinen Geissen und Schafen, geht in die Kapelle zur schmerzhaften Mutter und dankt allen Rettern, allen Nachbarn und Bekannten, die für ihn beteten und Kerzli angezündet haben. «Dort kamen mir erstmals die Tränen.»Zum Dank lädt Mattli den Hundeführer Geisser zusammen mit seinem Kollegen Näf nach Hause ein. Als er bei seiner Rettung Chrigel habe sprechen hören, «hets mir usinnig gwohlet». Zum Abschied gibt Mattli dem Hundeführer ein Geisschäs Mutschli mit. «Alles Gueti, Kari»,sagt Geisser, «wir kommen euch bald wieder besuchen.» Nora tänzelt vor Freude.

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Nora, die Lebensretterin

Désignation des tailles d’avalanches

  
Les tailles d’avalanches, foto SLF

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